Redakteure ante portas – Die Annahme der Ausgabe 28 am 5.12.2025.
Es war ein Freitagnachmittag, ca. 15:30 Uhr. Der Tag war bis jetzt träge und unbestimmt, und die Umwelt grau, kalt und allgemein eher abstoßend, zumindest für die meisten Leute.
Tobias saß bequem und zurückgelehnt in seinem warmen, beheizten Zimmer und spielte das Videospiel „Crusader Kings 3“ an seinem PC, um sich nach der anstrengenden Schulwoche, die auch aufgrund der Schülerzeitung teilweise anstrengend war, etwas zu erholen. Er war gerade dabei als der pseudo-historische Wikinger Björn Eisenseite zu versuchen Skandinavien zu vereinen, als er auf sein Handy blickte, welches in einem Handy-Halter aus Bambus auf seiner Fensterbank abgestellt war. Eigentlich wollte er nur nach der Uhrzeit schauen, da er nicht zu viel Zeit mit dem Videospiel vergeuden wollte, als er unter seinen Benachrichtigungen eine bemerkte, die ihn auf Nachrichten in der Gruppe „GymWue Times 2025 📝📰“ hinwies. Er fragte sich, was denn jetzt noch mit der Schülerzeitung war. Er dachte eigentlich, dass er mit der Schülerzeitung durch war und nur noch am nächsten Tag zum Verkauf, am Tag der offenen Tür musste und legte neugierig und ahnungslos, vielleicht sogar leicht genervt seinen Finger auf den Fingerabdrucksensor, um sein Handy zu entsperren.
„Morgen gibt es leider keine Schülerzeitungen…..“, schrieb Lyonel, einer seiner Chefredakteure und hängte noch eine kurze Aufregung über „die unvorbildlichen Paketboten“ hinten an. Einige schrieben betrübt Antworten, ein paar weinten mit Hilfe von Emojis, die meisten waren still. Nun war UPS zum Tod geworden, dem Zerstörer der Verkaufstermine für Schülerzeitungen. Auf die ein oder andere Weise dachte sich das wohl jeder in der Redaktion.
Doch die Hoffnung war noch nicht verloren. Laut der Zustellungsverfolgung waren die Zeitungen noch unterwegs. Tobias bot also an sich zur Schule zu begeben, die er vor wenigen Stunden schon verlassen hatte. Er schloss das Spiel mitten in einem Krieg gegen ein finnisches Häuptlingstum und begab sich in seinen Hausflur und eilte die Treppe mit schnellen Schritten hinunter, wobei er je zwei Stufen zeitgleich nahm. Sein Handy hatte er mitgenommen, sodass er, sobald er unten angekommen war, Lyonels nach oben gerichteten Daumen empfing und sich seine Schuhe überstülpte – er musste die dünneren Schuhe nehmen, da seine eigentlichen Winterschuhe sich entschlossen hatten, sich von ihrer Sole zu trennen. Er packte sich noch alles Relevante ein, zog Schal und Handschuhe an – seine Mütze hatte er idealerweise verlegt – und schritt mit einem großen Schritt aus der Tür und marschierte so schnell wie möglich zum Schulgebäude, als würde er den Reichstag stürmen wollen. Lyonel, welcher gerade im Fitnessstudio trainiert hatte, sollte ebenfalls in 10 Minuten dazustoßen. Nach der Tortur der letzten Woche, durfte es jetzt nicht an der Annahme der Lieferung scheitern. Die Probleme mit dem Layout und den nahezu verbotenen Bildern auf den Seiten 15 und 16 durften nicht umsonst gewesen sein.
Um ungefähr 16 Uhr war Tobias angekommen (Sein Schulweg war recht kurz). Er hatte sich am Schultor positioniert. Wenn der Paketbote noch kommen würde, wäre er bereit ihn abzufangen. Das Gebäude selbst betrat er allerdings nicht, aus Angst, der Paketbote würde erst gar nicht weiter als hinter das Tor gehen. Als er sich gerade ein Buch aus seinem provisorisch mitgenommen Rucksack geholt hatte, ertönte ein „Hallo.“, als Vincent, sein anderer Chefredakteur, mit dessen Erscheinen er nicht gerechnet hatte, mit seinem Fahrrad vor ihm zum Stehen kam. Lyonel war ebenfalls fast da. Er hatte die Überreste eines ehemals sehr großen Döners in der Hand und verspeiste ihn während er näher kam. „Was geht?“, fragte Vincent unmittelbar nachdem er Tobias gegrüßt hatte. „Gut. Und selbst?“, antwortete Tobias eigentlich unpassend auf die Frage und fragte zurück. „Ja. Auch.“, antwortete Vincent.
„Ich wusste gar nicht, dass du auch kommst.“, meinte Vincent. „Ist eigentlich unnötig, dass hier jetzt 3 Redakteure stehen, aber egal.“ Er war nach Ende seiner Klavierprobe ebenfalls so schnell er konnte zur Schule gefahren. Als sich Vincent dranmachte, sein teils oranges/teils weißes Fahrrad anzuschließen erreichte sie Lyonel. Auf eine kurze Begrüßung folgte: „Leute. Dieser Döner hat 17€ gekostet.“ (Es handelte sich um einen Döner, welcher wirklich nur aus qualitativem Fleisch war und nicht einfach nur aus Fett, wie Lyonel seinen zuerst verwirrten Mitredakteuren anschließend vermittelte) Bis er das kleine noch übrige Stück aufgegessen hatte tropfte noch viel Fett/Soße auf den asphaltierten Gehweg, das noch Stunden später als kleine weiße Flecken erkennbar war. Die beiden Chefredakteure, welche selbst auf den Gedanken gekommen waren, stimmten Tobias zu, dass es vermutlich besser wäre, vor den Toren zu warten. Also taten sie dies und tauschten sich noch etwas weiter über unterschiedlichen Sachen aus, wobei das erste Gesprächsthema der Döner bleiben sollte, bis Lyonel den Vorschlag aufbrachte bei sich zu Hause Angelstühle zu besorgen. Vincent und Tobias stimmten ihm zu, sodass Vincent sein Fahrradschloss aufschloss und Lyonel sein Fahrrad überließ. „Pass auf, dass du dein Vorderrad nicht verlierst.“, rief er ihm hinterher, nachdem er kurz zuvor noch vor den Bremsen gewarnt hatte. In der Zeit wo sie warteten, unterhielten sich Vincent und Tobias noch über ein paar weitere Themen, wie über den schönen Porsche, der an ihnen vorbeifuhr.
Wenige Zeit später kam Lyonel, welcher Vincents Warnung nicht zu sterben glücklicherweise gefolgt war, mit dem Fahrrad wieder den Berg hinunter, wobei er den Lenker nur mit einer Hand hielt. Mit der anderen hielt er die drei Säcke in Form von eingeklappten Campingstühlen hinter seinem Rücken fest, was in Anbetracht seines sehr stabilen Fahrens durchaus erstaunlich war. Ein Ritter mit goldenen Angelstühlen. Er stieg vom Fahrrad ab und drückte Vincent und Tobias einen der Aufklappstühle in die Hand und nahm sich auch selbst einen. Folglich klappten sie die Stühle auf und stellten sie nebeneinander in einer Reihe auf. Der eine in Grün, der andere in Schwarz und Vincents Stuhl in der selben Farbe wie seine Jacke. Ca. 16:30. „Der Postbote wird hoffentlich geangelt!“, hieß es im Gruppenchat. Nur noch ein Grill fehlte.
Immer wieder kamen Leute vorbei, während sie sich weiter unterhielten, um die Wartezeit zu füllen. Kurz überlegten sie, bei einer ansässigen Mitschülerin anzurufen und sie zu fragen, ob sie Horrorfilme mag (und ob sie ihnen heißen Tee mitbringen könnte), überwarfen den Gedanken aber wieder. Langsam wurde es dunkler und kälter, bis die Lampen der erstaunlich stark begangenen Straße sich anschalteten, was das Gefühl vermittelte, es wäre kurz wieder Tag geworden. Die Passanten, welche nach und nach in periodischen Abständen an ihnen vorbeigingen und sie komisch beäugten, wurden freundlich begrüßt. Ein bekanntes Gesicht, welches mit seinem E-Roller einen Spaziergang machte, fragte berechtigterweise, ob es hier ein Messe gäbe. „Gemütlich habt ihr es hier.“, meinte wiederum ein älteres Pärchen. Man könnte sagen, dass sie dort saßen wie die letzten Deppen, wüsste man nicht, worauf sie warteten.
Irgendwann, als es bereits eine geraume Zeit dunkel gewesen war, erhoben sich Vincent und Tobias aufgrund der schleichend stärker werdenden Kälte. „Wir vertreten uns kurz die Beine.“, meinte letzterer zu Lyonel. „Danach kannst du auch kurz was rumgehen.“ Sie betraten den Schulhof und traten in das Hauptgebäude ein, um zu gucken, ob sie evtl. noch einen Herrn Collel finden würden um noch alte Schülerzeitungen aus einem Klassenraum zu bergen, falls wirklich kein UPS-Paketbote mehr kam, aber es war keiner mehr da, obwohl der ganze Verwaltungstrakt noch offen war. Ein Hallo hallte in ein leeres, aber beleuchtetes Lehrerzimmer. Aus Angst sich dort gar nicht aufhalten zu dürfen gingen sie zügig wieder nach draußen. In diesem Moment, gerade als sie vorhatten aufzugeben, sahen sie Scheinwerfer, welche Lyonel und die Stühle beim vorbeifahren erleuchteten. Kurz hinter unserem Sitzbereich hielt ein brauner Wagen. Die Aufschrift von UPS war noch grob aus der Ferne zu erkennen. So schnell wie möglich sprinteten wir vom Schulhof herunter. Lyonel war bereits aufgesprungen und hatte sich bereits neben das Fahrzeug gestellt.
Vincent und Tobias schlossen schnell auf. Nach einigen Sekunden der Freude und Erleichterung, trat der Paketbote in brauner Uniform aus dem Auto und schaute sie überrascht an. „Wir nehmen das Paket an.“, sagte Vincent zu ihm. „Das sind unsere Schülerzeitungen.“ Innerlich freuten sie sich wie Bolle. Der an sich recht freundliche Postbote, welcher immer noch leicht überrascht war, antwortete mit einem stumpfen „Ah, okay.“ und ging schnellen Schrittes zum Ende des Lieferwagens, wo er die Tür aufschloss. Unter dem kalten, hellen Licht lagen ihre drei Pakete unscheinbar auf dem dritten Regal, perfekt sichtbar für sie. Der Paketbote überreichte je einem von ihnen ein Paket, während sie kurz davor waren, Freudentränen zu weinen. Schnell stellten sie die Lieferung auf den glücklicherweise trockenen Boden.
Der Paketbote zückte sein Handy und erklärte den erleichterten Redakteuren mit Verweis auf den Bildschirm: „Ich habe hier geguckt und dann stand da Benedikt Schneider.“ „Ja. Das ist unser beratender Lehrer.“, warf Vincent ein. „Ja. Ich habe mir nur gedacht, dass wäre hier eine Privatadresse, habe gerade eben aber erst gesehen, auf den Paketen steht ja Gymnasium Würselen.“ Es war also zu einem UPS gekommen. Merkwürdig amüsiert stieg der Paketbote zurück in den Wagen und schloss die Tür, bevor er ihnen ein schönes Wochenende gewünscht hatte und sie ihm dies gleichtaten. Um 17:11, kam die für alle Redakteure erleichternde Nachricht: „Jaaaaaaaa, wir haben es geschafft. Die Schülerzeitungen sind da!!!!!“ Unter Freude stehend unterhielten die drei sich noch etwas und planten schonmal für den Verkauf am morgigen Tag. Danach stürzten sie sich auf eines der Pakete und öffneten es, als wäre es Essen, auf das sie seit einem Monat mit leerem Magen gewartet hatten. Die Pakete wurden im Auto an den entsprechenden Ort gebracht und jeder von ihnen nahm bereits seine persönliche Schülerzeitung heraus. Wie eine letzte Siegeshymne, hupte der wieder an ihnen vorbeifahrende Paketbote, von dessen grellen Scheinwerferlicht sie geblendet wurden.
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