Schulinhalte von vor 113 Jahren: Ein Lesebuch katholischer Volkschulen aus dem Kaiserreich

Mein Großvater besaß reichlich Bücher und las passenderweise dann auch sehr gerne; etwas, das heute einigermaßen aus der Mode gekommen ist. Beim Besuch zu Heiligabend gehe ich also nochmal in den Keller hinunter und bespitzle die Regale. Hmmmhhh… „Der Kommunismus“, „Meine Jahre bei Canaris“, „Wöschelter Mundart“ … Ah! Ein fast kaputtes, steinaltes, mittlerweile braunes Buch ohne Aufdruck! Aufgeschlagen, reingeguckt: „Lesebuch für die katholischen Volkschulen der Rheinprovinz“. Erschienen für die Regierungsbezirke Aachen, Coblenz, Cöln (damals anscheinend noch mit C geschrieben) und Trier. 1919 gedruckt, aber ein druckgleiches Exemplar zu 1912 – also nach dem Krieg gedruckt, vor dem Krieg verfasst.

Der (erstaunlich schmutzige) Schmutztitel.
Das Buch von außen.

Allzu wertvoll ist das Buch nicht und bessere Tage gesehen hat es auf jeden Fall – War anscheinend früher mal grün. Laut meiner Großmutter hatte mein Großvater es anscheinend damals von einem verstorbenen Lehrer mitgenommen, der reichlich Bücher besessen hatte. Wer mit diesem Buch in der Schule gearbeitet hat, der müsste heute mindestens 106 Jahre alt sein und schlummert somit mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit schon etwas länger ein paar Meter unter der Erde, wenn es nicht sogar das des Lehrers war.

Das Buch deckt ein breites Spektrum an Themenfeldern ab, dazu gehörend Sachen wie aus dem Deutschunterricht, Natur und Gesundheit, Zeug „Aus dem deutschen Vaterlande“, unsere Welt und die deutsche Geschichte.

„Erster Teil“

Das Buch beginnt mit Inhalten, wie man sie aus dem Deutschunterricht kennt, wie sie vorher schon genannt wurden. In erster Linie hier Gedichte und Kurzgeschichten, aber auch Sachtexte – an sich nichts verwerfliches. Außer den Texten selbst ist keine Aufgabenstellungen vorhanden, wie man es heut aus seinem Deutschbuch gewöhnt wäre. Es wurden also wahrscheinlich ausgewählte Inhalt gemeinsam gelesen, dann besprochen, oder der Lehrer hatte sich selbst eine ausgedacht. Das Buch fördert also ganz klar die Kreativität der Lehrer und verhindert, dass diese geistlich verwahrlosen – etwas was teilweise heutzutage untergeht.

Beispiel einer Buchseite im „Ersten Teil“.

Thematisch sind die Inhalte grob aneinander gestrickt und man wird als Schüler an unterschiedlichste altersnahe Themen herangeführt, so z.B. die Natur, die Jahreszeiten, Gott,… Wer es allerdings heute noch lesen wollen würde, müsste sich vermutlich erstmal an die

Witzig finde ich persönlich die immer wieder vorkommenden Ansammlungen aus Sprichwörtern. Hier meine Favoriten, die ich definitiv in meinen (Sprich)wortschatz integrieren werde:

„Lieber einen Tag gefastet, als den Magen überlastet.“

„Die Uhr schlägt keinem Glücklichen.“

„Wo die Sonne nicht hinkommt, kommt bald der Arzt hin.“ (Genau sicher, was das jetzt heißen soll, bin ich mir auch nicht. Versuchen wir eine Erklärung zu erarbeiten; 1. Man soll sich splitterfasernackt sonnen gehen – am besten auf der Terrasse, wo jeder Nachbar es sehen kann, 2. Man soll auch die dauerbedeckten Stellen vom Arzt untersuchen lassen, 3. Schlechtes Wetter bedeutet Krankheit oder Unglück.)

Dann sind aber wiederum sog. Sprichwörter dabei, die ich allein aufgrund ihrer Länge nicht als solche klassifizieren würde, als Beispiel:

"Durch Schaden wird man klug, 
Sagen die klugen Leute;
Schaden litt ich genug,
doch bin ich ein Tor noch heute."

Reimt sich zwar, aber merken werds ich mir nicht. In der praktischen kommunikativen Anwendung stelle ichs mir auch kompliziert vor. Über viele der Sprichwörter, unter denen nur uns wenige geläufig waren, konnten meine Schwester, meine Cousine und ich uns aber gut begeistern.

Einige ideologisch geprägte Sprichwörter haben sich aber auch eingeschlichen. Hier, dass krasseste, was ich gefunden habe:

„Für Gott, Kaiser und Vaterland, nehm ich getrost das Schwert zur Hand.“

So etwas dürftest du heute eigentlich nicht mehr so sagen, geschweige dessen unterrichten, aber das Buch ist nicht nur über ein Jahrhundert alt, sondern somit auch veraltet. Es kommt aus der Zeit einer nationalistischen, stark religiösen Monarchie, was sich alles in diesem einem Sprichwort wiederfindet. Doch später mehr dazu.

„Zweiter Teil“

Im zweiten Teil „Aus der Naturkunde und Gesundheitslehre“, folgen recht interessante Sachen, die man so nicht in der Schule lernt. So u.a., wie man Pilze sammelt, wie man sich Feuer macht, wie man erste Hilfe leistet,… Allerdings alles optimalerweise ohne Bilder. Bei allen Themen, ist jedoch zu hoffen, dass der Lehrer elaboriert. Handelt sich aber definitiv um Sachen, die recht praktisch wären, sie in der Schule zumindest mal gehört zu haben.

Und auch wenn auf den ersten Seite deklariert steht, das Buch sei für die Oberstufe, gibt es dennoch noch einen vierseitigen Text übers Zähneputzen, als auch einen übers Waschen. Wer also noch nicht genau wusste, wie das geht, konnte das jetzt nachholen, um bloß auch niemanden zurückzulassen. Zugegebenermaßen wäre es dann für den Schüler – oder, beim ersteren, viel mehr seine Zähne – eh zu spät.

„Aus der Heimat“

Der Kölner Dom in einem alten Schulbuch
Kupferstich vom Kölner Dom.

Danach beginnt es problematischer zu werden; Wir kommen zur Heimat. Der Teil „Aus der Heimat“ erfüllt im Prinzip die Aufgabe des Erdkundeunterrichts, teils die des Geschichtsunterricht. Man lernt über Geografie, wichtige deutsche Landschaften und wichtige nationale Denkmäler oder Gebäude (bspw. den Kölner Dom). Also einfach sehr viele Fun Facts über Deutschland und wesentliches Wissen über Kulturgut im Sinne von Orten, wobei stark von rheinischen Inhalten geprägt, da das Schulbuch ja schließlich auch fürs Rheinland erdacht worden ist. Dabei schwingt auch immer wieder Nationalstolz mit, gerade was den deutschen Rhein betrifft, womit auch Gebietsansprüche und Verherrlichungen einhergehen, die bis dato allerdings wenig problematisch sind und eher noch dem Patriotismus gleichen als dem Nationalismus.

„Aus dem deutschen Vaterlande“

Im nächsten Kapitel wandert dann der Blick des Schülers vom Geografischen zum Kulturellen über. Während vorher nur schon vereinzelt kaiserzeitliche Ideale auftauchten, ist das Buch ab hier stark vom kaiserzeitlichen Nationalstolz geprägt, wie man ihn heute als negativ bewerten würde. In diesem Teil des Buches sind vornehmlich Dichtungen zum Thema Vaterland und Deutschland zu finden, aber auch informative, dennoch subjektive Texte über Kulturgut. Der dritte Text dieses Teiles ist sogar „Das Lied der Deutschen“ aus dem unsere heutige Nationalhymne stammt, aber mit den oft verboten geglaubten anderen beiden Strophen.

Erste Seit des Kapitels „Aus dem deutschen Vaterlande“ mit einem Text der gut die restlichen Inhalte dieses Kapitels vertretend veranschaulichen kann.

Daneben finden sich einige Texte über die damals sehr wichtige Kaiserliche Marine, um ein paar Überschriften zu nennen: „Der deutsche Kriegshafen Kiel“, „Auf einem großen Panzerschiff“, „Als Schiffsjunge zur kaiserlichen Marine“. Um schon mal ein bisschen auf die siebenjährige Wehrpflicht vorbereiten, vielleicht so ein wenig Vorfreude aufbauen, auf fetten Schiffen zu stehen.

Die Grenze zwischen dem letzten und diesem Kapitel bleibt aber dennoch sehr schwammig und vieles geht somit in dieselbe Richtung. Manche Inhalte sind nicht einmal wirklich schlimm, sondern einfach nur veraltet, wie z.B. das „Preußenlied„.

„Aus Deutschlands Kolonialgebieten“ und „Aus fremden Ländern und Welten“

Die Kapitelvignette des Kapitels „Aus Deutschlands Kolonialgebieten“. Darstellung sowohl afrikanischer Dörfer (links), eines primitiv wirkenden afrikanischen Ureinwohners (Mitte), als auch die von Zebras und einem Strauß oder Straußenvogel.

Erst genannter Abschnitt behandelt kurz und knapp das wichtigste, was es über die wichtigsten deutschen Kolonialgebiete zu wissen gibt. Die Völker werden zwar beschrieben, doch fokussiert sich das Kapitel deutlich weniger darauf jene zu veranschaulichen, als einen guten Überblick über die Kolonie zu geben. Hier z.B. Samoa, Qinqdao, Kamerun, Togo. Die Volksgruppen, die beschrieben werden, werden dies auch wenig rassistisch. Die Texte bleiben, bis auf die Ureinwohner Heiden zu nennen und die Haltung, dass die Deutschen weiter entwickelt sind (was vermutlich auch zumindest technologisch stimmen wird), sehr objektiv, oder loben sogar die Bewohner Mitteltogos so: „Sie sind fleißige Ackerleute, wie ihre wohlgepflegten Pflanzen bezeugen. […] Baumwolle wird von den Frauen gesponnen […] und […] zu recht brauchbaren und hübschen Stoffen verarbeitet.“

Hier, für die, die 67 witzig finden. (Erste Zeile Rechts)

Das als zweites genannte Kapitel befasst sich wie man bereits erschließen könnte mit allen möglichen Ländern der Welt, die nicht zum Deutschen Reich gehören. Hier kommen scheinbar recht wahllos und spuralisch ausgewählte Informationen über andere Länder oder bestimmte Gebiete in dessen Territorien, oder Geschichten, die sich in fremden Ländern abspielen. Ein paar Themen als Beispiel: der Petersdom in Rom, der Amazonas, der Kaiser in Jerusalem. Diese Kapitel sind bei weitem die kleinsten dieses Buches.

Kopie des Gemäldes „Der Sieger von Wörth„. Wenn man auf die Ränder der Person und des Pferdes, die Zügel, die Mähne und den Bart achtet, sieht man das mit Bleistift an ihnen entlang gekritzelt wurde. Jemand hatte wohl bei den Hausaufgaben oder im Unterricht Langeweile bekommen.

„Aus der vaterländischen Geschichte“

Nun zum letzten Kapitel. Abermals ist Name Programm und das Kapitel berichtet über die deutsche Geschichte oder zeigt Dichtungen über jene. Hier wird vor allem auffällig, dass wichtige, teils verherrlichte Herrscher, Ritter und Helden aus der Feudalzeit viele der Zeilen beanspruchen, bis dann der Rest sich hauptsächlich mit Gemenge und Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich befasst. Prinzipiell also das, worauf der deutsche Kaiser seine Macht stützen konnte. Der Sieg gegen Frankreich und Legenden aus der Feudalzeit, in dessen Fußstapfen man natürlich darstellen wollte zu treten. Es geht aber auch zurück bis zu den Römern und Germanen, ebenfalls ein damals wichtiger Bestandteil des deutschen Nationalbildes – man ist als Deutscher etwas anderes als der Franzose. Das Kapitel ist also weniger Geschichtsunterricht als kaiserliche Legitimation.

Fazit

Alles in einem ist es ein interessanter Einblick in eine andere Welt, wie ich die vergangene Zeit des Kaiserreiches jetzt mal forsch nenne. Die letzten Seiten scheinen irgendwann herausgerissen worden zu sein, aber ohne sie besitzt das Buch 562 Seiten und 326 Inhalte. Schule war definitiv anders. Meiner Vermutung nach, gab es damals nur den Deutschunterricht und Geschichte, Biologie und Gesellschaftskunde sind vermutlich alle in den Deutschunterricht hineingefallen. Mathe wird es dennoch gegeben haben, aber das ist glaube ich aus der modernen Perspektive weniger interessant. Das Buch stellt gut die damaligen Werte dar, bzw. wie unterschiedlich jene zu unseren heutigen sind und amüsiert ein wenig beim Durchblättern, da viele Sachen sehr veraltet wirken. Dennoch handelt es sich eigentlich um eine gute Zusammenstellung von Texten in denen viele Sachen gelehrt werden, aber dennoch deutlich weniger, als heutzutage, wobei die Schüler natürlich auch noch, genauso wie wir, andere Schuljahre hatten.

Ich hoffe, ich konnte die Aspekte des Buches einigermaßen gut vermitteln ohne zu lang zu werden, als auch ein bisschen meinen persönlichen Eindruck zu vermitteln.

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